Wir zucken zusammen, direkt hinter uns plötzlich und unvermittelt das durchs Mark dringende Sondersignal eines Rettungswagens. Blaulicht. Sofort schießen die Gedanken durch den Kopf. Ein schrecklicher Unfall? Ein kleiner Mensch der es mit seiner Geburt sehr eilig hat? Ein Patient in einer Notsituation? Schlaganfall? Herzinfarkt? Menschen in einem brennenden Gebäude, oder eingebrochen im Eis eines Gewässers? Im Kopf ein reißender Strudel aus Gedanken und Gefühlen. Mancher nimmt es gelassen: „wer weiß was da wieder passiert ist!“ Solche oder ähnliche Sprüche haben wir von Mitmenschen bestimmt schon gehört. Aber dieser Zustand der Überraschung und des Überlegens hält nicht lange an und schon hat uns unser „so wichtiger“ Alltagsmoment wieder in seinem Bann. Kundenzufriedenheit, Dividenden, Innovation, Synergien.
Auch im Rettungswagen ist man hochkonzentriert in seinem Alltagsmoment. Leben, Gesundheit retten. Die absolute Grundlage für Kundenzufriedenheit, Dividenden, Innovation, Synergien. Aber was sehen die Frauen und Männer von den Rettungsteams bei der Ankunft am Einsatzort? Was erwartet sie dort an Aufgaben, Emotionen, Gaffern, Situationen welche selbst sie in Gefahr bringen? Was geht den Menschen durch den Kopf hinter den Scheiben des Rettungswagens. Vor, während und nach dem Einsatz.
Die Künstlerin und Initiatorin des Buches und dieser Ausstellung Noreen Rotha hat sich einmal gefragt, „was macht da mein Bruder Robby eigentlich?“ Eine Idee war geboren. Die Beachtung einer Lebenswelt. Eine Betrachtung schien ihr zu oberflächlich, zu sehr aus der Ferne, zu abgegrenzt, zu teilnahmslos. Gaffer. Sie als Zeichnerin und ihr Team aus Fotografen, Dichtern und Textautoren möchten alle Menschen sensibilisieren in die besondere Lebens- und Berufsatmosphäre der Retter einzutauchen, zu beachten, was geht in ihren Köpfen nach einem Einsatz vor:
Wenn nach fachlicher Routine, die Zeit der Ruhe das Nachdenken, das Geschehene noch einmal Revue passieren lässt.
Können sie wirklich abschalten, oder nehmen sie noch viel davon mit nach Hause? Wer rettet die Retter? Vielleicht wir?
Dramatisches und Amüsantes findet nicht immer ein Gegenüber.
Wenn wir sie beachten, Wissens um ihre Aufgabe,
Kontakt zu ihnen suchen, auch mal ihre Hand halten - mit einem Gespräch, mit Beachtung und Achtung.
Oder wir machen es ihnen leichter in dem wir all unserem Mitmenschen mit mehr Sorgfalt, mehr Rücksicht, mehr Herz begegnen?
Der junge Mensch umkrampft zitternd das Lenkrad. Der Chef hat schon zweimal angerufen, der Termin ist sehr wichtig, es hängt viel daran, geht um viel Geld - bloß nicht zu spät kommen und jetzt auch noch diese verdammte rote Ampel, ach was die schaffe ich noch!!!
Die Kindergruppe welche die Straße überquert bemerkt er zu spät.
War es das Wert?? Haben wir das Geld zum König über das Leben gekrönt? Geld zum Wohlstand? Wohlstand das Schutzgas unseres Tun und Handelns? Oder verdient das Prädikat Gesellschaft nicht eigentlich Menschlichkeit, Wärme Zusammenleben?
Können wir den Rettern nicht auch Respekt zeugen indem wir Situationen vermeiden die als Endkonsequenz ihren Einsatz fordern?
Die Bilder die sie hier sehen, sollen Ihnen auch eins sagen: die Überholspur des Lebens öfter mal verlassen, nehmen Sie den Fuß vom Gas, nehmen Sie den Druck von sich selbst und von anderen Menschen.
Es ist an der Zeit für ein liebes Wort, ein freundliches Gespräch, ein Lächeln für einen anderen Menschen.
Er könnte Ihr Retter sein.
Noreen hat zwei Künstler eingeladen mit an der Ausstellung teilzunehmen.
Der Zeichner Sven Brauer beschäftigt sich neben anderen Themen mit dem des Essens in Grenzsituationen.
Im Gefängnis entstand sein Knastkochbuch.
Hinter Mauern bekommt das Essen eine spezielle Bedeutung.
Es kann für Abgründe, Hintergründe und Sehnsüchte des Lebens stehen.
Rezepte wurden gesammelt und ausprobiert.
Gemeinsam wurde geredet, gekocht und gegessen.
Vor einem Gebäude steht ein Imbiss. Ein Schmelztiegel für Menschen aller Couleur und Generationen. Dort steht der Banker neben dem Bauarbeiter. Die Hausfrau mit ihren Kindern neben Senioren.
Die Künstlerin Voula Doulgeri gesellte sich zu den Essenden.
Sie fand es sehr spannend, herrscht doch an so einem Imbiss eine ganz andere Kommunikation.
Auf Pappteller die zum Teil benutzt waren zeichnete sie Augen.
Kommunikation kann manchmal nicht nur sprachlos machen, sie kann auch sprachlos sein. Augenblicke.
Spielen Sie augenblicklich fordert Voula Doulgeri.
Noreen, Sven und Voula haben in ihren Arbeiten einen gemeinsamen Berührungspunkt.
Die Beachtung von Menschen und Lebenswelten in besonderen Situationen.
RETTER ESSEN AUGEN
Frank Herrmann
Gera
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